Kontaktaufnahme.
Wie sollte es funktionieren?

Ich habe meinen Bruder gefunden. Und jetzt? Ich bin völlig durcheinander.“ Diesen Satz habe ich von allen Suchenden gehört, deren Angehörige gefunden wurden.

Ich möchte Ihnen ein paar Erfahrungen aus meiner langjährigen Arbeit mit Suchenden und Betroffenen von Adoption weitergeben, was den Erstkontakt zu wiedergefundenen Angehörigen betrifft. 
Für Adoptierte, womöglich mit eigener Familie, ist es schwer vorstellbar ein Kind zur Adoption freizugeben. 
Derjenige möchte eine nachvollziehbare Erklärung haben. Eventuelle Geschwister und Halbgeschwister wollen kennengelernt werden.
Adoptierte spüren instinktiv, wenn sie angelogen werden. Deswegen ist es bei der Kontaktaufnahme wichtig, ehrlich zu sein.

Erwachsene Adoptierte müssen alle Informationen verarbeiten und die Herkunftsfamilie im „Heute“ kennenlernen,

Bevor sie sich über die weitere Vorgehensweise entscheiden. 
Sie benötigen eine gewisse Zeit, die Gefühle neu zu sortieren. Diese fahren nämlich Achterbahn und das hört so schnell nicht auf. 
Ob abgebende Eltern in der Zukunft des adoptierten Kindes eine Rolle spielen ist nicht gewiss. Es hängt von vielen Faktoren ab. 
Für den erwachsenen Adoptierten ist es ein Kennenlernen, für die Herkunftseltern ein Wiedersehen.
Viele Betroffene suchen schon lange, manche sogar Jahrzehnte, daher ist es für die Betroffenen nicht immer einfach, nach einer so langen Zeit, aufeinander zu zugehen. 
Es ist ein vorsichtiges Herantasten an einen oder mehrere Menschen, die man vor vielen Jahren verloren hat oder gar nicht kennt, aber dennoch wusste, dass es diesen oder die Menschen gibt. 
Und es ist überhaupt nicht einfach eine harmonische Beziehung aufzubauen.

 

 

Es erfordert sehr viel Feingefühl und ein hohes Maß an Akzeptanz, diese Familienharmonie auch in dieser Form bei zu behalten, damit diese Beziehung Bestand hat.

Toleranz ist gut, Akzeptanz ist besser!

Oft haben Adoptierte nur geringe Informationen über ihre Herkunft und diese entsprechen leider nicht immer der Wahrheit. 
Adoptierte erfahren durch die leiblichen Eltern eine weitere Version ihrer Geschichte und befinden sich dadurch in einem Gewissenskonflikt. Wem sollen sie glauben?
Dieses
*sich neu wiederfinden* ist ein Balanceakt auf der ganzen Linie. 
Die Balance beim Kennenlernen und in der weiteren Beziehung gelingen nicht immer. 
Man ist zwar verwandt, aber in dem Moment, wo man sich wiederbegegnet, ist man sich fremd. 
Man kannte sich vielleicht als Kind und plötzlich steht man sich als Erwachsene gegenüber. 
Jeder hat sich anders entwickelt. Bei jedem Einzelnen hat, bedingt durch Adoption oder andere Umstände, das Leben einen ganz anderen Verlauf genommen.

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Einen Verlauf, den es ohne Adoption, wahrscheinlich so nicht gegeben hätte.

Geschwister z.B. haben, bedingt dadurch, dass sie in verschiedenen Familien aufgewachsen sind, jeweils eine andere Prägung durch die *neuen* Eltern, das Umfeld und die daraus resultierende Erziehung, bekommen. 
Dadurch kann es passieren, dass bei einem Wiedersehen nach vielen Jahren, völlig unterschiedliche Charaktere und Weltanschauungen aufeinander prallen. 
Viele sind mit diesen Situationen für den Moment derart überfordert, das sie sich zurückziehen. All das sollte man im Vorfeld bedenken. Man muss viel Verständnis für den wiedergefundenen Menschen aufbringen und sich selbst in gewissen Situationen zurücknehmen, um den Anderen nicht gleich zu verschrecken oder zu verletzen. 
Sie haben einen Menschen gesucht, weil Sie ihn vermisst haben. Weil Sie ihn kennenlernen wollten. 
Weil er zur Familie gehört.
Diese Familie müssen Sie aber neu aufbauen.

Gehen Sie vorsichtig mit diesem Menschen und sich selbst um.

Nur dann können Sie eine harmonische Beziehung aufbauen.
Ich wünsche Ihnen alles Glück dieser Erde.
Eva Siebenherz